Hinter der Frage, ob Psychotherapie per Video funktioniert, stecken eigentlich zwei Fragestellungen: Erstens eine wissenschaftliche: Hilft Psychotherapie genauso oder ähnlich gut per Video wie im analogen Kontext und zweitens eine persönliche und oftmals komplexere: Werde ich mich über einen Bildschirm überhaupt öffnen können? Merkt meine Therapeutin, wie es mir wirklich geht? Und was passiert, wenn ich mitten in der Sitzung anfange zu weinen?
Dieser Artikel beantwortet beides – was die Forschung zeigt und wie es sich tatsächlich anfühlt. Und er benennt die Situationen, in denen ich von Videotherapie abraten würde.
Was die Forschung zeigt
Videobasierte Psychotherapie ist wissenschaftlich gut untersucht. Die Befunde sind über mehrere Übersichtsarbeiten hinweg konsistent: In der Wirksamkeit (Symptomreduktion) lässt sich kein statistisch bedeutsamer Unterschied zur Behandlung im unmittelbaren persönlichen Kontakt nachweisen.
Eine viel zitierte frühere Metaanalyse von Norwood und Kollegen aus dem Jahr 2018 konnte in ihrer quantitativen Auswertung zwar nur vier randomisiert kontrollierte Studien einschließen, fand jedoch ebenfalls keine signifikante Unterlegenheit der Videotherapie gegenüber der klassischen Präsenztherapie.
Am besten untersucht sind in den Wirksamkeitsstudien Angststörungen, Depressionen sowie die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), wobei vor allem kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze erforscht wurden. Noch unzureichend untersucht sind hingegen Fragen zur differentiellen Wirksamkeit, zur Kosteneffektivität und zu Nebenwirkungen sowie potenzielle moderierende Effekte von spezifischen Störungsbildern und Therapieverfahren.
Der Befund, der die eigentliche Sorge betrifft
Die meisten Menschen sorgen sich nicht um Effektstärken. Sie sorgen sich um die Beziehung: Kann zwischen zwei Menschen über einen Bildschirm dasselbe entstehen wie in einem Raum?
Von Patientinnen und Patienten wird die therapeutische Beziehung in der Videobehandlung von tendenziell als gut bewertet – und das auch bei niedrigen Internet-Bandbreiten und schlechter Übertragungsqualität. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass sich Patient*innen in videobasierter Psychotherapie sogar mehr beteiligen und sicherer fühlen.
Wie sich eine Videositzung anfühlt
Was in keiner Studie steht, aber jede Person wissen will:
Wenn Sie weinen. Das passiert in Videositzungen so wie in der Praxis. Ihre Therapeutin oder Ihr Therapeut sieht es und geht darauf ein. Viele empfinden es sogar als leichter, weil sie in der eigenen Umgebung sind und niemandem im Wartezimmer begegnen.
Wohin Sie schauen. In die Kamera zu blicken wirkt natürlicher, als auf das eigene Bild zu sehen. Die meisten Videodienste erlauben es, die Selbstansicht auszublenden – das nimmt vielen die Anspannung.
Ob Ihre Therapeutin weniger mitbekommt. Der Bildausschnitt ist kleiner als ein Raum, das stimmt. Mimik, Stimme, Sprechtempo und Pausen sind aber gut wahrnehmbar. Was fehlt, wird häufig durch Nachfragen ausgeglichen – manche Behandelnde fragen im Videoformat direkter nach, wie es Ihnen gerade geht.
Aus dem eigenen Wohnzimmer über Schweres sprechen. Für manche ist das ein Vorteil: vertraute Umgebung, kein Anfahrtsweg, danach kein Weg nach Hause mit dem, was gerade besprochen wurde. Für andere ist genau das schwierig, weil der geschützte Raum der Praxis fehlt. Beides ist normal, und Sie merken nach zwei bis drei Sitzungen, was für Sie gilt.
Wenn die Verbindung abbricht. Das kommt vor. Sinnvoll ist, vorab zu vereinbaren, wie Sie in diesem Fall vorgehen – etwa dass Ihre Therapeutin Sie anruft. Diese Absprache treffen Sie am besten in der ersten Sitzung.
Wann ich von Videotherapie abraten würde
Videotherapie ist nicht für jede Situation das richtige Format. Es gibt Fälle, in denen ich Ihnen davon abrate:
In einer akuten Krise. Wenn Sie daran denken, sich etwas anzutun, oder das Gefühl haben, die Kontrolle über Ihr Handeln zu verlieren, brauchen Sie unmittelbare Hilfe vor Ort – nicht einen Termin in einigen Tagen. Wenden Sie sich an den Notruf 112 oder die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, kostenlos und rund um die Uhr.
Wenn Sie zu Hause keinen ungestörten Raum haben. Eine Sitzung, in der Sie flüstern müssen oder jemand im Nebenzimmer mithört, kann nicht funktionieren. Ohne einen Raum, in dem Sie ungestört sprechen können, ist die Praxis der bessere Ort.
Wenn Ihre Verbindung nicht trägt. Ständige Aussetzer kosten Konzentration – Ihre und die Ihrer Therapeutin.
Bei schweren oder lang bestehenden Erkrankungen. Hier ist die Studienlage dünner, und ein persönlicher Kontakt kann fachlich angezeigt sein.
Ob eine Behandlung per Video in Ihrem Fall sinnvoll ist, entscheidet ohnehin nicht die Plattform und nicht dieser Artikel. Das entscheidet Ihre Therapeutin oder Ihr Therapeut nach den Standards des jeweiligen Verfahrens – und bespricht es mit Ihnen.
Was bei einfachTherapie.de technisch dahintersteckt
Wie eine Sitzung abläuft und wie Sie einen Termin buchen, steht auf So funktioniert’s. Hier nur das, was die Frage nach dem Format betrifft:
Die Sitzung läuft direkt im Browser. Sie brauchen keine Software zu installieren und kein Konto bei einem Videodienst. Ein Gerät mit Kamera und Mikrofon genügt.
Die Verbindung ist verschlüsselt und läuft über einen Anbieter mit Serverstandort in der Europäischen Union. Sitzungen werden nicht aufgezeichnet. Ich als Betreiber der Plattform habe keinen Zugang zu den Inhalten Ihrer Sitzung.
Was ich habe, ist die Möglichkeit, mich jederzeit um technische Probleme zu kümmern. Alle Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben meine Handynummer, sollte also etwas schiefgehen, bin ich jederzeit erreichbar.
Videotherapie ist nicht dasselbe wie eine App
Ein Punkt, der oft vermischt wird: Eine Videositzung mit einer approbierten Psychotherapeutin ist Psychotherapie – dieselbe Behandlung, nur über einen anderen Übertragungsweg.
Davon zu unterscheiden sind Gesundheits-Apps, Chat-Angebote und Coaching. Diese Formate haben ihre Berechtigung, sind aber etwas anderes. Worin sich approbierte Videotherapie, Coaching und Gesundheits-Apps rechtlich unterscheiden, habe ich in Online-Therapie, Coaching oder App – was ist der Unterschied? aufgeschlüsselt.
Und wenn es sich nicht richtig anfühlt
Dann sagen Sie es. Ob eine Behandlung passt, entscheidet sich ohnehin nicht nach der Technik, sondern nach der Person gegenüber. Wenn Sie nach einigen Sitzungen merken, dass das Format Ihnen nicht liegt, ist das ein Thema für die Therapie – kein Grund aufzuhören.
einfachTherapie.de vermittelt approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und ist selbst nicht therapeutisch oder abrechnend tätig. Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine individuelle Beratung.
Quellen
- Steubl, L. S. & Baumeister, H. (2023): Videobasierte Psychotherapie: Aktuelle Rahmenbedingungen und Entwicklungen sowie Empfehlungen für die praktische Umsetzung. Bundesgesundheitsblatt. DOI 10.1007/s00103-022-03644-6
- Norwood et al. (2018), Metaanalyse zur Nichtunterlegenheit videobasierter Psychotherapie
- Zwei Metaanalysen aus dem Jahr 2021 mit 36 beziehungsweise 43 eingeschlossenen Studien
- Systematische Übersichtsarbeit zu 20 Studien mit rund 3.000 Patientinnen und Patienten
- Bundespsychotherapeutenkammer, Praxis-Info Videogestützte Psychotherapie
Stand: